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Eine Reihe raumhoher Fronten ohne sichtbare Griffe schließt eine Ecke des Raumes ab. Was auf den ersten Blick wie eine durchgehende Schrankwand wirkt, verbirgt in Wirklichkeit die Küche. Es handelt sich dabei nicht um ein isoliertes Detail, sondern um das Prinzip, das den gesamten Entwurf prägt — eine Zurückhaltung, die sich über die Materialität definiert und von Raum zu Raum fortsetzt: derselbe Marmor, dasselbe im Fischgrätmuster verlegte Eichenparkett, verbunden durch eine Ausgewogenheit, die sich nie in den Vordergrund drängt. Dieses Gleichgewicht bildet beinahe einen Kontrapunkt zum Rhythmus von Porta Romana, jenem Viertel, in dem sich die Wohnung befindet und das heute zu den urbanen Transformationsräumen Mailands zählt.

Hinter dem Eingang entfaltet sich die Wohnung als Abfolge von Räumen, die sich leicht gegeneinander drehen und so der unregelmäßigen Geometrie des Gebäudes folgen. Der Wohnbereich nimmt diese Bewegung als Erster auf und verbindet Küche, Essbereich und Wohnzimmer zu einer einzigen fließenden Raumfolge.

Hier trifft das Prinzip der ästhetischen Zurückhaltung unmittelbar auf den Anspruch an Funktionalität. Die gesamte Küchenwand erscheint als durchgehende Schrankfront, ohne sichtbare Griffe und mit einer durchgehenden Griffmulde ausgeführt. Erst beim Öffnen der Türen wird das vollständige Funktionsprogramm sichtbar: eine Kühl-Gefrier-Kombination, ein zweiter Hochschrank, hinter dessen Türen sich der Backofen verbirgt, sowie Innenböden und Schubladen, die den Stauraum erweitern, ohne den Raum optisch zu belasten.
Lediglich auf der Arbeitsfläche wechselt das Material: Holz geht in Bardiglio-Marmor über, in den das Spülbecken flächenbündig eingelassen ist, sodass beide Oberflächen nahtlos ineinandergreifen. Induktionskochfeld, Dunstabzug und Elektrogeräte finden ihren Platz, ohne gestalterische Kompromisse zu erfordern.

Der ovale Esstisch aus einem Marmor mit changierenden Adern zwischen Grün und Blau ruht auf skulpturalen Beinen. Nur wenige Schritte von der Küche entfernt greift er dieselbe Vorstellung von Stein als ruhender, gewichtiger Präsenz zwischen leichter wirkenden Oberflächen auf. Stühle aus Bugholz und geflochtenem Stroh, deren Gestaltung an klassische Bistrostühle erinnert, verleihen der Komposition Leichtigkeit.

Im Wohnbereich verändert sich der Rhythmus des Raumes: Elemente unterschiedlicher Stilrichtungen und Inspirationsquellen treten in einen bewusst ungezwungenen Dialog. So wird die Strenge der Küche aufgelockert und zugleich jene intimere Atmosphäre eingeführt, die sich in den weiteren Räumen fortsetzt.

Neben dem Wohnbereich kehrt das Arbeitszimmer das Grundprinzip der übrigen Wohnung um: Das raumhohe Bücherregal verbirgt hier nichts, sondern zeigt und vermittelt die Persönlichkeit der Bewohner unmittelbarer. Auch in seinen Proportionen schlägt der Raum einen anderen, intimeren und persönlicheren Ton an. Seine Funktionen werden nicht getrennt, sondern überlagert: Ein Schlafsofa verwandelt ihn bei Bedarf in ein Gästezimmer, während der in die Fensterlaibung integrierte Schreibtisch seine alltägliche Nutzung als Arbeitsraum bestimmt.
Das angrenzende Bad folgt eher einer Logik der Ausnahme als der Kontinuität. Das aus einem Block grünen Marmors gearbeitete Waschbecken ist das einzige Element der Wohnung, bei dem die Zurückhaltung für einen Moment einem markanteren Ausdruck weicht.

In der privaten Schlafsuite tritt die gestalterische Inszenierung zugunsten des Komforts zurück, während die Atmosphäre intimer und geschützter wird. Rund um das Bett konzentriert sich die Einrichtung auf wenige wesentliche Elemente: eine Leuchte, einige Gemälde und einen Sessel. Der Raum wirkt wie eine Zäsur innerhalb der räumlichen Abfolge — ein Bereich, der eher zum Erleben als zur Inszenierung gedacht ist.
Das Bad schließt die Raumfolge nach demselben Prinzip ab: Zarte Farbtöne, wandhängende Waschtische und Spiegel mit abgerundeten Konturen erzeugen eine sanfte Atmosphäre, die dazu einlädt, das Tempo zu verlangsamen.

Von der Küche bis zum Schlafzimmer offenbart sich das Wesen des Projekts vor allem in dem, was es bewusst nicht zeigt. Die Wohnung folgt keiner Ästhetik, die sich auf den ersten Blick erkennen lässt, sondern einer inneren Logik aus Maß und Funktionalität. Sie erschließt sich erst beim schrittweisen Durchqueren der einzelnen Räume — und erweist sich am Ende als die authentischste Signatur der Wohnung.
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