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1. Oktober 2026
Bei der ersten Ausgabe von Currents Berlin widmeten sich zwei Hersteller mit tiefen Wurzeln in der Designgeschichte aus unterschiedlichen Perspektiven derselben Frage: Wie kann gestalterisches Erbe relevant bleiben, ohne in Nostalgie zu verfallen?
Berlin brauchte nie eine einheitliche Designsprache, um seine Identität zu definieren. Sie entsteht vielmehr aus dem Nebeneinander unterschiedlicher Welten: Industrie und Experiment, traditionsreiche Hersteller und unabhängige Studios, Designgeschichte und neue Produktionsmodelle. Genau diese fragmentierte und zugleich vernetzte Landschaft wollte Currents Design Berlin mit seiner ersten Ausgabe sichtbar machen, die vom 10. bis 12. September an verschiedenen Orten der Stadt stattfand. Statt dem klassischen Messeformat zu folgen, entwickelte sich Currents als dezentrales Event, getragen von einer Gemeinschaft aus Marken, Designern, Hochschulen und unkonventionellen Orten.
Innerhalb dieses Programms boten TON und Tecta zwei besonders interessante Perspektiven auf das Verhältnis von Geschichte und Gegenwart. Beide Unternehmen sind fest im europäischen gestalterischen Erbe verwurzelt, doch keines betrachtet die Vergangenheit als statischen Bestand, den es lediglich zu bewahren gilt. Vielmehr werden Handwerk und Moderne zu Ausgangspunkten, um aktuelle Fragen zu Langlebigkeit, Produktionsprozessen und der Weiterentwicklung von Objekten zu verhandeln.
Bei TON lag die Frage beinahe offen auf der Hand: Was können uns 165 Jahre handwerkliches Wissen über die Zukunft lehren? Seit 1861 biegt das Unternehmen Holz in seinem Werk in Bystřice pod Hostýnem und bewahrt damit ein Fertigungswissen, das tiefgreifende Veränderungen von Industrie und Lebenswelten überdauert hat. Bei Currents wurde diese Geschichte über die Themen Langlebigkeit, ressourcenbewusste Produktion und Zeitlosigkeit neu gelesen. Damit entstand die Idee, dass Nachhaltigkeit nicht nur mit neuen Materialien oder Technologien beginnt, sondern ebenso mit der Fähigkeit, Objekte zu entwerfen, die für eine lange Lebensdauer geschaffen sind.
In seinem Berliner Raum an der Chausseestraße präsentierte das Unternehmen zudem TON x Büro Famos und setzte damit die Zusammenarbeit mit dem von Hanna Litwin und Romin Heide gegründeten Studio fort. Diese Verbindung steht exemplarisch für die heutige Ausrichtung von TON. Büro Famos hatte zuvor bereits die Garderobe Logs entworfen, die aus Holzresten gefertigt wird, die für die Stuhlproduktion ungeeignet sind, und diese in ein bewusst schlichtes Alltagsobjekt verwandelt. Tradition bedeutet in diesem Verständnis weniger, historische Formen zu wiederholen, als vielmehr, die Qualitäten eines Materials zu erkennen und neue Möglichkeiten für seinen Einsatz zu entwickeln.
Tecta wiederum näherte sich dem Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart mit Berlin selbst als Ausgangspunkt. In einer ehemaligen Jalousienfabrik in der Pücklerstraße in Kreuzberg realisierte das Unternehmen gemeinsam mit dem Designer Pascal Hien Tectas Berliner Zimmer. Die Installation vereinte Arbeiten von Gestaltern mit Bezug zur Stadt, darunter Hanne Willmann, Geckeler Michels, Katrin Greiling, Daniel Lorch und Andree Weissert, und stellte ihre zeitgenössischen Entwürfe in den größeren Zusammenhang von Tectas langjährigem Dialog mit Bauhaus und Moderne.
Das Bauhaus erschien dabei nicht als abgeschlossenes Kapitel der Geschichte, sondern als weiterhin lebendige Methode, die sich verändert, sobald neue Designer, Materialien und gesellschaftliche Bedingungen in den gestalterischen Diskurs einfließen.
Besonders deutlich wurde diese Haltung bei Erlkönig – Design in Process, wo Tecta und Pascal Hien erste Prototypen einer kommenden Kollektion aus Clubsessel und Sofas zeigten. Im Mittelpunkt stand, was normalerweise hinter den Kulissen bleibt: Entscheidungen zu Materialverbrauch, Proportionen, Komfort, Bezahlbarkeit und Gebrauchstauglichkeit. Statt ausschließlich das fertige Erscheinungsbild eines Produkts zu zeigen, machte die Präsentation jene Abwägungen sichtbar, durch die aus einer Idee überhaupt erst ein konkretes, produzierbares und alltagstaugliches Möbelstück wird.
Im Kontext von Currents Berlin bildeten TON und Tecta damit einen spannenden Kontrapunkt. Keines der beiden Unternehmen wendet sich von seiner Geschichte ab, doch ebenso wenig scheint eines daran interessiert, sie unverändert zu bewahren. Für beide gewinnt das gestalterische Erbe gerade dann an Wert, wenn es neu gelesen, hinterfragt, angepasst und in einen zeitgenössischen Kontext überführt werden kann.