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9. Juli 2026
David/Nicolas sprechen über ihre neuen Projekte für Ceccotti Collezioni, zwischen zeitgenössischer Boiserie, Handwerkskunst und emotionalem Design.
In der Arbeit von David Raffoul und Nicolas Moussallem, den Gründern des Studios David/Nicolas, verbinden sich Architektur, Collectible Design und Interior Design zu einer zutiefst emotionalen und materiellen Forschung. Für Ceccotti Collezioni präsentierte das Studio in Mailand Scapula, einen skulpturalen Stuhl, der von der menschlichen Anatomie inspiriert ist. Durch Massivholz, handwerkliche Details und eine starke atmosphärische Dimension erzählen die Projekte von einer Designauffassung, die sinnliche Beziehungen, Erinnerung und Präsenz im zeitgenössischen Raum entstehen lässt.
Interview in englischer Sprache geführt – deutsche Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung.
Ihre Arbeit bewegt sich fließend zwischen Architektur, Collectible Design und Interior Design und bewahrt dabei stets eine enge Verbindung zu Handwerkskunst und zur emotionalen Dimension des Raums. Wie beschreiben Sie Ihren heutigen Designansatz und welche Prioritäten leiten Ihre gestalterischen Entscheidungen?
Wir beginnen nie mit einer bestimmten Disziplin, sondern mit einer Atmosphäre. Ob es sich um einen Innenraum, ein Möbelstück oder einen architektonischen Raum handelt, interessiert uns vor allem, wie sich Menschen darin fühlen. Unsere Arbeit wird vom Gleichgewicht zwischen Tradition und Gegenwart, Intuition und Präzision getragen. Handwerkskunst bleibt dabei wesentlich, weil sie dem Projekt eine menschliche Qualität und Tiefe verleiht und ihm Bedeutung gibt.
Mit La Boiserie verwandeln Sie ein klassisches Element der Innenarchitektur in ein zeitgenössisches, modulares und immersives System. Wann wurde Ihnen klar, dass diese Recherche zu einem eigenständigen Projekt werden sollte und nicht nur ein wiederkehrendes Motiv in Ihren Interieurs bleiben konnte?
La Boiserie entstand aus unserer Faszination für ein traditionelles architektonisches Element, das seit Jahrhunderten existiert. Anstatt es als nostalgisch zu betrachten, interessierte uns, wie es sich weiterentwickeln und mit der Gegenwart in Dialog treten könnte. Wir sahen darin die Möglichkeit, den Reichtum von Handwerkskunst und architektonischem Erbe zu bewahren und zugleich an die Bedürfnisse und Sensibilität einer neuen Generation anzupassen. Als wir das Thema in verschiedenen Projekten weiterentwickelten, erkannten wir, dass es das Potenzial hatte, weit mehr zu sein als ein wiederkehrendes Element unserer Interieurs. Es wurde zu einem eigenständigen System: modular, anpassbar und fähig, sich unterschiedlichen Räumen, Kulturen und Lebensstilen anzupassen. Jede Komposition kann über Materialien, Oberflächen, Proportionen und Details individuell konfiguriert werden und eröffnet nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, ohne ihre starke Identität zu verlieren. An diesem Punkt war es selbstverständlich, La Boiserie als eigenständiges Projekt zu etablieren. So konnten wir eine traditionell maßgefertigte architektonische Sprache in ein Produkt übersetzen, das erworben, angepasst und personalisiert werden kann, ohne den Wert von Handwerkskunst, Charakter und architektonischer Präsenz zu verlieren.
Der Stuhl Scapula für Ceccotti Collezioni geht von einem sehr präzisen, beinahe skulpturalen anatomischen Bezug aus. Wie lässt sich eine so organische Intuition in ein Objekt übersetzen, das zugleich Komfort, Gleichgewicht und Funktionalität erfüllen muss?
Die Inspiration stammt vom Schulterblatt, nicht als wörtliche Referenz, sondern als Quelle von Bewegung und Gleichgewicht. Unser Ziel war es, die skulpturale Qualität dieser Geste zu bewahren und sie zugleich komfortabel und funktional zu machen. Wir suchen stets nach einem Punkt, an dem Ausdruck und Ergonomie zusammenfallen. Eines der charakteristischen Elemente des Stuhls ist die aufsteigende Bewegung der Armlehnen. Neben ihrer visuellen Identität wollten wir, dass diese Geste bei der Person, die Platz nimmt, ein besonderes Gefühl auslöst: ein Gefühl von Erhebung, sowohl körperlich als auch emotional. Scapula handelt nicht nur von Komfort, sondern auch von Präsenz und Persönlichkeit. Der Stuhl unterstreicht subtil die Haltung seines Nutzers und vermittelt ein Gefühl von Sicherheit und Distinktion, bleibt dabei jedoch einladend und bequem.
Bei der Entwicklung von Scapula haben Sie eng mit Ceccotti Collezioni und den toskanischen Werkstätten des Unternehmens zusammengearbeitet. Wie haben der Dialog mit den Handwerkern und die Verarbeitung von Massivholz die endgültige Entwicklung des Projekts geprägt?
Die Zusammenarbeit mit den Handwerkern von Ceccotti war grundlegend. Ihr tiefes Verständnis von Massivholz hat viele Aspekte des Projekts beeinflusst, von der Struktur über die Proportionen bis hin zu den konstruktiven Details. Für uns bedeutet Entwerfen nicht nur Zeichnen, sondern auch zu verstehen, wie Dinge hergestellt werden. Der Besuch der Werkstätten und die Beobachtung, wie die Handwerker das Holz schnitzen, formen und bearbeiten, wurden selbst zu einer Inspirationsquelle. Viele Details und Verfeinerungen des Stuhls sind genau aus diesem direkten Austausch entstanden. Wenn man nur aus der Distanz entwirft, verliert man jene Möglichkeiten, die der Produktionsprozess aufzeigen kann. Durch das Eintauchen in die Realität der Werkstatt konnten wir Techniken, Möglichkeiten und Gesten entdecken, die das finale Design konkret beeinflusst haben. Das Projekt entwickelte sich durch einen kontinuierlichen Dialog, in dem das Handwerk nicht einfach eine Idee ausführte, sondern aktiv zu ihrer Weiterentwicklung beitrug. Die Beziehung zwischen Designer und Handwerker wurde zu einem wesentlichen Teil des kreativen Prozesses und ermöglichte es dem Stuhl, eine reichere Identität und ein höheres Maß an Raffinesse zu entwickeln.
Für das Nilufar Grand Hotel haben Sie ein Zimmer als „kontinuierliche Hülle“ konzipiert, in der Oberflächen, Stickereien und Teppiche eine immersive Landschaft schaffen. Wie sind Sie in diesem Projekt mit dem Verhältnis von Dekoration, Raumwahrnehmung und Erinnerung an Interieurs umgegangen?
Wir haben uns den Raum als eine kontinuierliche Landschaft vorgestellt, in der Wände, Decke und Boden dieselbe Sprache sprechen. Die Stickereien und der Teppich wurden als Erweiterungen der Architektur konzipiert: Sie erzeugen Bewegung und Rhythmus, führen den Blick durch den Raum und lassen den Besucher in eine einzige visuelle Erzählung eintauchen. Gleichzeitig waren wir uns sehr bewusst, dass es sich um ein Schlafzimmer handelt, also um einen Raum, der mit Intimität, Komfort und Erinnerung verbunden ist.

Durch die Auswahl der Materialien und Farben, insbesondere durch tiefe Rottöne, Senfnuancen und warme Holzoberflächen, wollten wir eine Atmosphäre schaffen, die filmisch und emotional aufgeladen wirkt. Im Raum liegt eine gewisse Nostalgie, jedoch nicht als direkte Referenz an eine bestimmte Epoche, sondern als vertrautes und zugleich traumartiges Gefühl. Das Projekt spiegelt unser Interesse wider, die Fülle und Intimität historischer Interieurs durch eine zeitgenössische Sensibilität neu zu interpretieren und eine Umgebung zu schaffen, die den Besucher sowohl körperlich als auch emotional einbezieht.