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Giulia Liverani und das Licht als Gestaltungsmaterial

8. August 2026

Giulia Liverani

Von der Gründung von OliveLab bis zum Verständnis von Licht als Gestaltungsmaterial: Giulia Liverani spricht über Forschung, Experimentierfreude und einen verantwortungsbewussten Designansatz.

Für Giulia Liverani ist Licht nicht nur ein Mittel, um Räume zu beleuchten, sondern ein eigenständiges Gestaltungsmaterial, das Emotionen auslösen und die Beziehung zwischen Mensch und Umgebung neu definieren kann. Nach einer Ausbildung in Italien und Großbritannien, die von Experimenten und der unmittelbaren Arbeit mit Materialien und Prototypen geprägt war, gründete sie gemeinsam mit Marco Signoretto OliveLab. Die Marke interpretiert Lichtdesign durch eine reduzierte, innovative Formensprache, die tief in der Forschung verwurzelt ist. Im Interview spricht Liverani über die Entstehung der Marke, die Bedeutung des praktischen Arbeitens, den Einfluss von Licht auf das tägliche Wohlbefinden und die Verantwortung, die Design heute übernehmen muss.

Interview auf Italienisch geführt – deutsche Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung.

Ihr Werdegang verbindet Gestaltung und Forschung mit einer ausgeprägten Sensibilität für Material und Licht. Welche Erfahrungen während Ihrer Ausbildung haben Ihren Designansatz besonders geprägt?

Der erste wirkliche Wendepunkt kam in meinem dritten Studienjahr im Produktdesign. Damals hatte ich die Möglichkeit, an IN Residence teilzunehmen, einem Workshop, bei dem man eine Woche lang eng mit international bekannten Designern zusammenarbeitet. Sie waren an unterschiedlichen Hochschulen ausgebildet worden und vertraten Ansätze, die sich vollkommen von meinem eigenen unterschieden. Dadurch entstand in mir der Wunsch, die Welt des Designs aus einer anderen Perspektive kennenzulernen.
Genau deshalb entschied ich mich für den Masterstudiengang Product and Space Design an der Kingston University in London, insbesondere wegen der Werkstätten: riesige Räume mit unzähligen Maschinen und Materialien jeder Art. Dort konnte ich stundenlang Prototypen bauen, experimentieren, ausprobieren, neu beginnen und versuchen, etwas entstehen zu lassen. Es war faszinierend. Dort habe ich verstanden, dass Gestaltung für mich über die Hände funktioniert und nicht allein über die Zeichnung.
Wenn ich noch weiter zurückblicke, kam der erste Impuls jedoch von meinem Vater, der Elektronikingenieur ist. Er brachte mir bei, meine ersten Kabel zu löten und einfache Verbindungen herzustellen. Ohne es zu wissen, gab er mir damit im wahrsten Sinne des Wortes die Werkzeuge an die Hand, mit denen ich heute Licht gestalte.

Mit OliveLab haben Sie ein Projekt ins Leben gerufen, das Design, Handwerk und Experiment miteinander verbindet. Wie entstand die Marke, und welches Bedürfnis oder welche Idee führte Sie dazu, eine eigene gestalterische Sprache zu entwickeln?

Während meines Masterstudiums in London begann ich, mich intensiver mit Licht zu beschäftigen. Dort entstand Sun Memories, ein Lichtsystem, das persönliche Lichterinnerungen — einen Sonnenuntergang, eine Reise oder einen besonderen Tag — speichern und über eine Leuchte in den eigenen vier Wänden wiedergeben kann. Es war meine erste wirkliche Begegnung mit Licht als Gestaltungsmaterial, und ich verstand sofort: Für mich liegt im Licht immer ein Moment des Staunens. Genau dieses Gefühl wollte ich auch den Menschen vermitteln, die mit meinen Objekten interagieren.
Ich war immer davon überzeugt, dass Licht ein eigenständiges Material ist, mit dem man gestalten kann und mit dem Nutzer in einen Dialog treten können, um ihren Raum bewusster und angenehmer zu erleben. In einem so gesättigten Bereich wie der Beleuchtungsbranche lag die grundlegende Idee von OliveLab darin, weiterhin Raum für innovative, unverwechselbare und ungewöhnliche Produkte zu finden. Danach suchen wir bis heute, Projekt für Projekt.

OliveLab Oplà Wandleuchte
OliveLab Oplà Hängelampe

Licht hat einen tiefgreifenden Einfluss auf unser Wohlbefinden und darauf, wie wir Räume erleben. Welche Aspekte sollten wir als Nutzer:innen bei der Auswahl einer Leuchte für das eigene Zuhause besonders berücksichtigen?

Ich glaube nicht, dass es einen allgemeingültigen Rat gibt, denn jeder Mensch hat andere Bedürfnisse. Wer von zu Hause aus arbeitet, benötigt ein anderes Licht als jemand, der lediglich einen ruhigen Ort zum Entspannen am Abend schaffen möchte. Was jedoch für alle gilt: Licht ist kein Accessoire. Es ist ein Instrument, das uns ermöglicht, unsere Räume besser zu erleben und uns darin wohlzufühlen.
Deshalb sollte Licht mit derselben Aufmerksamkeit ausgewählt werden wie alle anderen Elemente. Es darf nicht erst im letzten Moment als Detail hinzukommen, wenn der Entwurf bereits abgeschlossen ist, sondern sollte von Anfang an ein integraler Bestandteil der architektonischen Planung sein. Licht erfüllt sehr viele Funktionen, und jede einzelne davon ist wichtig.

OliveLab D02 4 Hängelampe

Die Leuchten von OliveLab scheinen aus einem Dialog zwischen Funktion, Material und Emotion zu entstehen. Wie entwickelt sich ein neues Projekt? Wo beginnt die Idee, und welche Schritte führen bis zum fertigen Objekt?

Das ist unterschiedlich, denn es gibt keinen einheitlichen Ausgangspunkt. Manchmal beginnt ein Projekt mit einer technischen Herausforderung, wie bei Opla. Dort wollte ich eine Pendelleuchte entwickeln, die sich um 180 Grad drehen lässt. In anderen Fällen gehe ich von einem Gefühl oder einem Material aus, das mich neugierig macht und das ich bis ins Detail verstehen möchte.
Die neue Kollektion, die im kommenden Jahr erscheinen wird, entstand sogar aus den Seiten eines Buches. Ich weiß noch nicht, wohin sie mich führen wird, doch einige Sätze haben mich gerade durch ihre Einfachheit so stark berührt, dass ich das Bedürfnis verspürte, sie in Objekte zu übersetzen.
Sobald die Idee gefunden ist, beginnt die Entwicklung des Konzepts, und bereits in dieser Phase setzt die Arbeit mit Prototypen ein. Man muss konkret beobachten, wie ein Material auf eine bestimmte Beanspruchung reagiert oder wie sich ein bestimmter Lichteffekt beziehungsweise eine besondere Reflexion erzeugen lässt. Danach folgt der schwierigste Moment: der Idee eine Form zu geben, denn ein und dieselbe Idee kann tausend verschiedene Gestalten annehmen.
Ich bin eine große Verfechterin des Prinzips form follows function. Deshalb definiere ich zunächst technische Vorgaben und wesentliche Eigenschaften, die das Produkt benötigt, um seine Funktion bestmöglich zu erfüllen. Aus diesen Vorgaben entwickelt sich die Form.
Ist die Form festgelegt, entstehen die endgültigen Prototypen. Technische Herausforderungen werden gelöst, geeignete Produktionsverfahren bestimmt und schließlich beginnt die technische Ausarbeitung für die Produktion. Diese Phase ist von Kompromissen geprägt. Entscheidend ist, den ursprünglichen Charakter des Entwurfs zu bewahren und ihn so umzusetzen, wie er gedacht war.

In einer Zeit, in der Design zunehmend nachhaltig und verantwortungsbewusst sein soll: Welche Verantwortung müssen Designer Ihrer Ansicht nach heute übernehmen, und welchen Beitrag möchten Sie mit Ihrer Arbeit leisten?

Ich verfolge einen Ansatz, der Verschwendung konsequent vermeidet. Für mich geht es nicht darum, mehr zu kaufen, als man wirklich braucht, sondern weniger zu kaufen – und zwar das, was einem wirklich guttut. Ich glaube, dass wir Designer die Verantwortung haben, langlebige, hochwertige und modulare Objekte zu entwickeln. Geht ein Bestandteil kaputt, sollte sich nur dieses einzelne Teil ersetzen lassen, ohne dass das gesamte Produkt entsorgt werden muss.
Ebenso wichtig ist es, Produkte zu entwerfen, die sich im Laufe der Zeit weiterentwickeln und an ihre Nutzer anpassen können: ein Bauteil, das sich austauschen oder ergänzen lässt, eine Oberfläche, die aktualisiert werden kann, oder eine Form, die sich verändert, wenn sich die Bedürfnisse der Menschen wandeln, die mit dem Objekt leben. Solche Gegenstände werden nicht weggeworfen, sobald sie eine bestimmte Anforderung nicht mehr erfüllen, sondern verändern sich gemeinsam mit ihren Besitzern.
Bei einem elektronischen Produkt wie einer Leuchte ist es schwierig, uneingeschränkt von Nachhaltigkeit zu sprechen. Elektronische Bauteile, Kabel und Treiber lassen sich naturgemäß nur schwer wirklich nachhaltig gestalten. Was ich tun kann — und woran ich kontinuierlich arbeite — betrifft die Bereiche, die ich selbst beeinflussen kann: die Auswahl der Materialien, die Reparierbarkeit, die Modularität und die Lebensdauer. Das ist keine umfassende Lösung, aber es ist der Teil der Verantwortung, den ich für mich übernehmen kann.

Photo credit: Anna Brignolo