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Auf dem Weg zu 2026: Eine langsamere Vision von Luxus

30. März 2026

Gubi Pacha

Zwischen Kontinuität, Langlebigkeit und Prozess definiert Design den Begriff von Luxus neu. Ein Ausblick auf die Milano Design Week 2026 und aktuelle Entwicklungen.

In den letzten Jahren ist Zeit zu einer der instabilsten Ressourcen unserer Gegenwart geworden. Es handelt sich nicht nur um eine individuelle Wahrnehmung, sondern um einen Zustand, der Produktion, Kommunikation und Konsum gleichermaßen prägt. Die Geschwindigkeit, mit der wir Bilder, Objekte und Narrative aufnehmen, hat eine Sättigung erzeugt, die nicht nur ökonomisch, sondern auch wahrnehmungsbezogen ist. Wie Hartmut Rosa beobachtet, leben wir in einem Zustand permanenter Beschleunigung: Alles vervielfältigt sich, aktualisiert sich, ersetzt sich. Selbst das Begehren findet kaum noch Ruhe.

Zitate auf Englisch – Übersetzung und Anpassung ins Deutsche.

„In einer Konsumgesellschaft darf kein Objekt zu lange bestehen.“
— Zygmunt Bauman, Liquid Life (2005)

In diesem Kontext zeichnet sich bei etablierten Marken eine der interessantesten Entwicklungen ab: eine schrittweise Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Luxus und Zeit. Kein nostalgischer Rückgriff auf Tradition, sondern eine veränderte Haltung. Ein neues Verständnis von Wert.

Mit Blick auf die Milano Design Week 2026 lässt sich weniger eine Explosion von Neuheiten erkennen als vielmehr eine zunehmende Hinwendung zur Kontinuität. Weniger Fokus auf Überraschungseffekte, weniger Druck durch permanente Produktlaunches, dafür mehr Aufmerksamkeit für Langlebigkeit, Kohärenz und die Beständigkeit von Kollektionen. Wert definiert sich nicht länger über das „neueste Stück“, sondern über die Fähigkeit eines Objekts, über Jahre hinweg Bedeutung zu behalten.

Diese Entwicklung betrifft keine einzelnen Produktkategorien, sondern einen übergreifenden Ansatz im Design. Entschleunigung bedeutet hier, für Dauer zu entwerfen: Objekte zu konzipieren, die nicht auf kurzfristige Ästhetiken angewiesen sind, sondern auf ausgewogene Proportionen, solide Materialien und konstruktive Lösungen, die Bestand haben. Es bedeutet, offene Systeme zu entwickeln, die sich weiterentwickeln können, ohne ersetzt zu werden, und sich in Kollektionen einfügen, die durch Ergänzung wachsen – nicht durch Bruch.

Auch Designevents spiegeln diesen Wandel wider. Neben Produktneuheiten gewinnen Talks, Workshops und Installationen an Bedeutung, die den Prozess in den Mittelpunkt stellen: die Zeit der Herstellung, des handwerklichen Lernens, der Nutzung und Pflege. Es handelt sich nicht nur um eine kuratorische Entscheidung, sondern um ein tiefer liegendes Bedürfnis: eine neue Sensibilität für die Zeit im Design zu entwickeln.

„Ohne die Dauerhaftigkeit der Welt gäbe es überhaupt keine menschliche Welt.“
— Hannah Arendt, The Human Condition (1958)

Wir leben in einer Zeit, in der ein Raumfahrzeug die Erdumlaufbahn in etwas mehr als acht Minuten erreicht – rund 500 Sekunden. Fortschritt wird über Geschwindigkeit und Beschleunigung gemessen. Diese Logik prägt auch unsere Wahrnehmung von Design: Wir erwarten Unmittelbarkeit, ständige Verfügbarkeit, schnelle Antworten. Dabei vergessen wir, dass ein Sofa, ein Stuhl oder eine Leuchte das Ergebnis von Monaten, manchmal Jahren, der Forschung, Entwicklung und Verfeinerung ist. Die zeitliche Dimension des Gestaltens wurde zunehmend verdichtet. Gerade hier eröffnet sich jedoch eine neue Perspektive: Zeit als Material des Designs zu begreifen.

Entschleunigung bedeutet, den Prozess wieder ins Zentrum zu rücken. Zeit in Materialexperimente, in die Ausarbeitung von Details und die Qualität von Oberflächen zu investieren. Zu akzeptieren, dass sich die Kohärenz einer Kollektion langfristig entwickelt und dass sich die Identität einer Marke eher durch Kontinuität als durch Brüche festigt.

Ligne Roset Togo

Ein besonders prägnantes Beispiel liefert Ligne Roset. Das Sofa Togo, entworfen 1973 von Michel Ducaroy, hat Jahrzehnte überdauert, ohne an kultureller oder kommerzieller Relevanz zu verlieren. Seine niedrige, gefältelte Silhouette bleibt unverwechselbar, seine Konstruktion – vollständig aus Schaumstoff, ohne starres Gestell – wirkt bis heute radikal. Entscheidend ist jedoch nicht nur seine Langlebigkeit, sondern seine erneute Begehrlichkeit. In einem Markt, der auf sofortige Verfügbarkeit ausgerichtet ist, beträgt die Lieferzeit oft bis zu 18 Wochen. Diese Wartezeit mindert den Wert nicht – sie verstärkt ihn. Das Objekt wird nicht schnell konsumiert, sondern erwartet. Seine Kontinuität ist keine Wiederholung, sondern die fortlaufende Bestätigung einer Identität, die sich an Materialien, Farben und Kontexte anpasst, ohne ihr Wesen zu verlieren.

Ligne Roset Kollektion Togo

Einen anderen, aber komplementären Ansatz verfolgt Gubi. Die 1967 gegründete dänische Marke basiert auf einer kuratorischen Kontinuität, die sie als „Treasure Hunting“ bezeichnet. Durch die Wiederentdeckung und Neuauflage vergessener Designikonen, kombiniert mit zeitgenössischen Kooperationen, entstehen Kollektionen, die über Zeiträume hinweg funktionieren – nicht innerhalb saisonaler Zyklen.

Objekte wie der Pacha Lounge Chair von Pierre Paulin zeigen, wie dynamisch Beständigkeit sein kann: ein Entwurf aus den 1970er-Jahren, neu interpretiert durch Materialien und Kontexte, der seine skulpturale Weichheit bewahrt und zugleich in zeitgenössischen Interieurs funktioniert. Das Ergebnis ist keine Nostalgie, sondern eine zeitliche Überlagerung – ein kuratorischer Ansatz, in dem Vergangenheit und Gegenwart koexistieren und die langfristige Kohärenz der Marke stärken.

Gubi Kollektion Pacha

Eine weitere Linie der Kontinuität zeigt sich bei Tom Dixon. Die 2002 gegründete britische Marke hat eine klar erkennbare visuelle Sprache entwickelt, die sich weiterentwickelt, ohne je zu brechen. Geprägt ist sie durch Materialforschung, metallische Oberflächen und eine industrielle Ästhetik mit hoher Raffinesse. Diese Identität hat sich über die Jahre hinweg gefestigt – von frühen Experimenten mit recycelten Metallen bis hin zu ikonischen Entwürfen wie der S Chair oder den Leuchtenkollektionen Melt und Beat.

Tom Dixon Kollektion Melt
Tom Dixon Kollektion Beat

Diese Kohärenz setzt sich auch in räumlichen Konzepten fort: vom Coal Office in London bis zum The Manzoni in Mailand übersetzt das Design Research Studio denselben gestalterischen Code in Architektur und Hospitality. Entwicklung findet statt, bleibt jedoch stets innerhalb eines Rahmens, der Wiedererkennbarkeit sichert. Kontinuität wird so zu einem strategischen Wert.

Vielleicht geht es heute nicht mehr darum, was auf der nächsten Design Week präsentiert wird oder wie laut es Aufmerksamkeit erzeugt, sondern darum, wofür wir bereit sind, Zeit zu investieren. In einer Kultur, die auf Unmittelbarkeit ausgerichtet ist, wird das Warten zur bewussten Entscheidung. Der eigentliche Wandel liegt hier: im Erkennen von Wert – nicht in dem, was sofort beeindruckt, sondern in dem, was sich über Jahre hinweg als dauerhaft erweist.