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13. Juli 2026
Cristián Mohaded versteht Design als Übersetzung von Erinnerung, Handwerk und Kultur, zwischen persönlicher Identität und globalen Kooperationen.
Für Cristián Mohaded ist ein Designer in erster Linie ein Übersetzer: jemand, der Sprachen, Erinnerungen und Kulturen aufnimmt und sie in Projekte verwandelt, die mit der Identität der Unternehmen in Dialog treten, mit denen er arbeitet. Geboren in Catamarca im Norden Argentiniens, bringt Mohaded eine tiefe Verbindung zu den Landschaften, dem Handwerk und der materiellen Kultur seiner Heimat in seine Arbeit ein und interpretiert sie durch eine zeitgenössische Perspektive neu.
Von Kooperationen mit Molteni&C und Meritalia® bis hin zu Projekten für internationale Marken baut sein Ansatz Brücken zwischen kulturellem Erbe und Innovation, persönlicher Erzählung und industrieller Sprache. So entstehen Objekte, die emotional nachwirken und über die Zeit Bestand haben.
Interview in englischer Sprache geführt – deutsche Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung.
Sie sind in Argentinien aufgewachsen, umgeben von Landschaften, Handwerk und kulturellen Traditionen. Wie hat Ihr Herkunftsort Ihre Sensibilität für Materialien, Formen und Narration im Design geprägt?
In Argentinien aufzuwachsen hat meinem Blick auf Design eine sehr emotionale und instinktive Dimension gegeben. Ich komme aus Catamarca im Nordwesten Argentiniens, und diese Landschaft begleitet mich bis heute. Auch wenn ich an internationalen Projekten arbeite, sind meine Ursprünge sehr präsent. Ich mag es, Objekte zu schaffen, in denen die Materialität auf natürliche Weise spricht und das Handwerk in einer zeitgenössischen Form weiterlebt.
Wenn Sie auf Ihre Ausbildung und Ihre ersten Erfahrungen zurückblicken: Welche Momente waren für Ihre Entwicklung als Designer besonders prägend und wie haben sie die Richtung Ihrer heutigen Praxis beeinflusst?
Ich glaube, dass meine Ausbildung als Designer ein fortlaufender Prozess ist und dass ich immer weiterlernen werde. Es gibt stets etwas Neues zu entdecken, zu verstehen oder zu verfeinern. Einer der wichtigsten Schritte meiner Entwicklung war es, Catamarca zu verlassen und nach Córdoba zu ziehen, um Industriedesign zu studieren. Auch das Reisen durch Argentinien war entscheidend: Ich besuchte Handwerker aus verschiedenen Gemeinschaften und sah, wie Materialien von Hand verwandelt wurden. Das hat mein Verständnis von Design grundlegend verändert. Im Handwerk liegt eine Intelligenz, die sich akademisch nur schwer vermitteln lässt. Später begann eine weitere Phase meiner Entwicklung, als ich anfing, mit internationalen Marken zusammenzuarbeiten. Mir wurde klar, dass ich eine sehr persönliche und lokale Sprache in Projekte für Unternehmen übersetzen musste, die bereits über eine ikonische Markenidentität verfügten. Dieser Prozess hat mich dazu gebracht, meine eigene Identität als Designer klarer zu definieren.
Sie haben mit Marken zusammengearbeitet, die eine starke Geschichte und Identität besitzen, darunter Meritalia®, Molteni&C, cc-tapis, Moooi und Wiener GTV Design. Wie verbinden Sie den Respekt vor dem Erbe eines Unternehmens mit dem Wunsch, eine zeitgenössische und persönliche Vision einzubringen?
Für mich beginnt alles mit Beobachten, Zuhören und dem tiefen Verständnis für die Geschichte und Sprache eines Unternehmens. Ich habe großen Respekt vor dem kulturellen Erbe einer Marke und vor der Art, wie es zwischen Vergangenheit und Gegenwart vermitteln kann. Gleichzeitig versuche ich, in jedes Projekt meine eigene Sprache einzubringen. Die besten Kooperationen entstehen, wenn sich diese Verbindung für beide Seiten natürlich anfühlt: wenn man die Identität des Unternehmens erkennt und zugleich spürt, dass eine neue Perspektive in den Dialog eingetreten ist.
Beim letzten Salone del Mobile haben Sie den Sessel Corsetto für Molteni&C vorgestellt. Können Sie uns vom Konzept des Projekts und von der Inspiration erzählen, die seinen skulpturalen und taktilen Charakter geprägt hat?
Corsetto entstand aus der Auseinandersetzung mit der Spannung zwischen Weichheit und Struktur. Ich wollte ein Möbel schaffen, das wirkt, als sei es fast in Form gepresst worden. Volle, gerundete Volumen vermitteln Komfort und Wärme, werden jedoch durch eine Art ledernen „Korsett“-Rahmen definiert. Mir war wichtig, dass das Stück eine starke skulpturale Präsenz besitzt, ohne dabei Wärme oder Komfort zu verlieren. Auch die Materialität spielt eine zentrale Rolle im Projekt. Der Dialog zwischen Leder und Stoff verstärkt diese gegensätzlichen Qualitäten.
Corsetto scheint Komfort, Handwerkskunst und starke visuelle Präsenz sehr ausgewogen zu verbinden. Was war die größte Herausforderung bei der Übersetzung dieser Idee in ein fertiges Produkt und auf welche Aspekte des Designs sind Sie besonders stolz?
Eine der größten Herausforderungen bestand darin, diese großen, durchgehenden Kurven in ein industriell gefertigtes Produkt zu übertragen. Dafür war eine intensive Entwicklungsarbeit mit dem Unternehmen und den beteiligten Handwerkern notwendig. Ein weiterer wichtiger Aspekt war der Komfort. Sehr skulpturale Möbel können manchmal ihre ergonomische Qualität verlieren. Deshalb war es entscheidend, dass Corsetto wirklich bequem bleibt und sich natürlich bewohnen lässt. Besonders stolz bin ich wahrscheinlich auf das Gefühl von Spannung, das das Stück vermittelt. Diese Idee, ein weicheres Volumen zu komprimieren, war wesentlich für das Konzept. Ich glaube, sie bringt genau jene emotionale und taktile Dimension zum Ausdruck, die ich meiner Arbeit immer mitgeben möchte.
Mit Hug für Meritalia® untersuchen Sie Diskontinuität als Gestaltungselement, durch unregelmäßige Module und bewusst uneinheitliche Formen. Wie ist diese Recherche entstanden und was erlaubt sie Ihnen auszudrücken, im Vergleich zu einer strengeren und konventionelleren Designsprache?
Hug entstand aus dem Wunsch, eine Landschaft aus Fragmenten zu schaffen, die sich architektonisch zusammenfügen, als wären die einzelnen Sofaelemente gebrochen, unterteilt und bewusst uneinheitlich. Es war nie meine Absicht, die Diskontinuität zu korrigieren. Ich wollte sie vielmehr annehmen und zur Quelle des Charakters der Stücke machen. Diese Gegensätze und Kontraste erzeugen einen Rhythmus, eine kontrollierte Spannung, die der Komposition eine weichere, geometrisch postmoderne Atmosphäre verleiht. Hug besitzt eine junge, praktische und entspannte Haltung. Es ist meine Art, mit der Identität von Meritalia® in Dialog zu treten.

Ebenfalls für Meritalia® scheint Eyes um eine beinahe optische Wahrnehmung des Raums zu kreisen, geprägt von Reflexionen, Überlagerungen und Transparenzen. Wie wichtig ist es für Sie, Objekte zu schaffen, die sich in Beziehung zu Licht und Umgebung kontinuierlich verändern?
Mir gefällt die Vorstellung, dass ein Objekt einen Dialog mit seiner Umgebung und mit der Person aufnehmen kann, die es betrachtet. Bei Eyes erzeugen Wiederholung und Rhythmus einen visuellen Effekt, bei dem sich die Geometrie zu verändern beginnt und fast zur Illusion wird. Was zunächst solide oder statisch erscheinen mag, wandelt sich allmählich, wenn sich das Licht bewegt oder der Blickwinkel verändert. Für mich hält genau dieses Gefühl der Transformation ein Objekt lebendig. Es lädt dazu ein, sich über die Zeit mit ihm auseinanderzusetzen und neue Schichten, Tiefen und Details zu entdecken, statt es auf einen Blick vollständig zu erfassen.
Meritalia® stand immer für eine freie, experimentelle und zutiefst nonkonformistische Haltung und arbeitete mit Persönlichkeiten wie Gaetano Pesce und anderen Protagonisten des Radical Design zusammen. Wie hat dieser Geist Ihre Arbeit beeinflusst und wie wichtig ist es heute, im zeitgenössischen Design Raum für Imperfektion, Ironie und expressive Freiheit zu lassen?
Für mich geht es im Design nicht nur darum, eine Funktion zu lösen, sondern auch darum, Neugier, Emotion und Dialog auszulösen. Das hat Meritalia® immer verstanden, und genau deshalb fühlte sich die Zusammenarbeit mit der Marke so natürlich an. Ich glaube, dass es im zeitgenössischen Design immer wichtiger wird, Raum für Imperfektion, Individualität und expressive Freiheit zu lassen. Imperfektion, wenn sie bewusst und kontrolliert eingesetzt wird, verleiht einem Objekt Charakter und Menschlichkeit. Sie erzählt eine Geschichte und schafft eine stärkere emotionale Verbindung zum Stück.
Ihr Studio vereint unterschiedliche Disziplinen, Sensibilitäten und kreative Perspektiven. Wie ist die Teamarbeit organisiert und wie beeinflussen Zusammenarbeit und Dialog die Entwicklung Ihrer Projekte?
Jedes Projekt in meinem Studio beginnt mit einem Gespräch, mit Referenzen und mit der Erforschung von Materialien. Ich glaube, dass Dialog in jedem Studio grundlegend ist. Design ist heute multidisziplinär: Kunst, Architektur, Handwerk und Mode überschneiden sich in unserer Arbeit. Zusammenarbeit ermöglicht es Projekten, sich in unerwartete Richtungen zu entwickeln und durch kollektives Denken an Tiefe zu gewinnen. Auch wenn viele Stimmen beteiligt sind, sind meine Identität und meine gestalterische Perspektive als Gründer und Creative Director des Studios in allem präsent, was das Studio nach außen trägt.