Im Palazzo Bovara nimmt eine stille Rebellion gegen die digitale Entfremdung Gestalt an – durch Raum, Materialität und Wahrnehmung.
Corso Venezia 51. Der Palazzo Bovara gehört zu jenen Orten, die Mailand mit stiller Selbstverständlichkeit bewahrt: eine neoklassizistische Residenz des 19. Jahrhunderts mit Blick auf die alten Stadtmauern, deren piano nobile seit jeher Salons, Gespräche und Visionen beherbergte. Seit nunmehr zehn Jahren verwandelt Elle Decor Italia das Haus während der Design Week in ein Labor des Wohnens – einen Ort, an dem redaktioneller Inhalt zum begehbaren Raum wird.
Beim Überschreiten der Schwelle wartet die erste Überraschung im Außenraum. Der Innenhof empfängt die Besucher mit einer Folge von Outdoor-Lounges und eröffnet sofort eine subtile Dichotomie: Man befindet sich im Inneren, geschützt von historischen Mauern und ihrer architektonischen Schwere – und zugleich im Freien, zwischen Möbeln für das Leben unter offenem Himmel. Antonio Perazzis Landschaftskonzept arbeitet mit dieser ambivalenten Grenze und verwandelt Natur vom Hintergrund zur aktiven Präsenz. Eine stille Einführung in das, was folgt.
„Das Projekt entstand aus dem dringenden Bedürfnis, den fünf Sinnen wieder ihre zentrale Rolle zurückzugeben, die heute oft durch eine digitale Form der Rezeption verdrängt wird, welche Erfahrung auf etwas Beschleunigtes, Passives und von der Realität Getrenntes reduziert.“
Von Piero Lissoni konzipiert, mit Mohd als Retail-Partner und netsuke studio für die Koordination des Ausstellungskonzepts, entfaltet sich Sensory Landscape als Ökosystem, in dem Klang, Bild, Duft und Sprache ineinandergreifen und den Besucher durch einen emotionalen wie reflektierten Parcours führen. Lissonis Vision beruht auf bewusster Reduktion: nicht Mangel an Mitteln, sondern Präzision der Absicht. Was bleibt, ist mit solcher Genauigkeit gesetzt, dass eine Art visuelle Stille entsteht – eine seltene, heute beinahe subversive Qualität.
Die eigens komponierten Klangwelten von Thomas Umbaca durchziehen die Räume wie eine unsichtbare Präsenz. Projektionen von fuse* verwandeln Oberflächen in bewegte Landschaften, Material erwacht zum Leben, Wände verlieren ihre Funktion als Grenze. Der olfaktorische Beitrag von Giovanna Zucconi entwickelt eine parallele Erzählung, die nicht dem Blick, sondern dem Geruchssinn anvertraut ist: Duft als Sprache, als unwillkürliche Erinnerung. Wie Maurice Merleau-Ponty schrieb, bewohnt der Körper den Raum nicht nur – er erlebt ihn. Hier wird diese Philosophie zu Architektur.
„Das Haus ist unser erstes Universum. Es ist wahrhaft ein Kosmos im vollen Sinne des Wortes.“ — Gaston Bachelard, Poetik des Raumes, 1957
Perazzis botanisches Projekt mit Pflanzen aus italienischen Gärtnereien, ausgewählt aufgrund ihrer sensorischen Intensität, durchzieht die gesamte Installation wie ein grüner Faden. In Etere wird der Korridor zur Wiese.
In Sorgente verwandelt sich das Bad in einen Ort der Regeneration in seinem ursprünglichsten Sinn: Bachelard hätte in diesen Räumen jene Fähigkeit erkannt, uns über den Raum zu uns selbst zurückzuführen.
Im Leseraum begleitet eine von Feltrinelli Editore kuratierte Auswahl an Büchern die Reflexion; nach Ende der Ausstellung werden die Bände für wohltätige Zwecke gespendet, denn jede bedeutende Erzählung verdient es, andernorts weiterzuleben.
Sensory Landscape ist keine Ausstellung zum bloßen Betrachten. Es ist ein Weg, den man langsam bewohnt – wie jemand, der nach langer Zeit wieder beginnt zuzuhören.