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Luca Nichetto und die Zukunft des Murano-Glases

13. August 2026

Luca Nichetto

Luca Nichetto präsentiert „2026 Chapter 1″ von Barovier&Toso – zwischen der Glastradition Muranos, neuen Kollektionen und einer zeitgenössischen Vision des Glases.

Für Luca Nichetto ist Glas nicht nur ein Werkstoff für das Design, sondern eine intime Sprache, die eng mit seinen Wurzeln und der Erinnerung an Murano verbunden ist. Als neuer Creative Director von Barovier&Toso eröffnet Nichetto mit „2026 Chapter 1″ eine neue Phase für das Unternehmen, die auf einem kontinuierlichen Dialog zwischen historischem Erbe und zeitgenössischer Gestaltung basiert. Von den Pendelleuchten Profilo über die modularen Volumen von Etime bis hin zur tragbaren Leuchte Aurora interpretieren die neuen Entwürfe die Archetypen und überlieferten Glastechniken der Insel in einer internationalen Formensprache neu und entwerfen eine Vision davon, wie sich Murano-Glas in den kommenden Jahrzehnten weiterentwickeln könnte.

Interview auf Italienisch geführt – deutsche Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung.

Was bedeutet Glas heute für Sie – sowohl als Designmaterial als auch auf persönlicher Ebene? Und was bedeutet es, die Rolle des Creative Directors bei Barovier&Toso zu übernehmen, einem Unternehmen, das so tief in der Geschichte Muranos verwurzelt ist?

Glas ist selbstverständlich meine erste Liebe. Es ist eng mit meinen Wurzeln und meiner eigenen Geschichte verbunden. Es war das erste Material, durch das ich mit Design in Berührung kam. In gewisser Weise ist es das ideale Medium für mich, vor allem weil ich es sehr gut kenne, aber auch, weil es zum Erbe meiner Familie gehört, in der viele Mitglieder in diesem Bereich tätig waren. Ich empfinde die Verantwortung, diese Tradition fortzuführen. Zugleich ist die kreative Leitung von Barovier&Toso nicht einfach nur eine berufliche Aufgabe, sondern eine große Verantwortung und eine Ehre. Da ich selbst aus Murano stamme, weiß ich, was dieses Unternehmen für die Bewohner der Insel bedeutet. Seit Jahrhunderten fungiert es weltweit als Botschafter der Handwerkskunst von Murano. Die Rolle, die ich heute innehabe, ist daher mit einem tiefen Verantwortungsgefühl verbunden: mit der Aufgabe, dieses außergewöhnliche Erbe weiterzuführen und zu seiner zukünftigen Entwicklung beizutragen.

Luca Nichetto Barovier&Toso Set Up

Profilo besteht aus opalinen Scheiben und Spiralen, die sich zu einer leuchtenden Silhouette im Raum verbinden. Wie sind Sie an das Verhältnis zwischen Material, Licht und visueller Wahrnehmung herangegangen, um ein Objekt zu schaffen, das zugleich technisch, poetisch und zeitgenössisch wirkt?

Das Konzept von Profilo basiert auf drei zentralen Säulen. Die erste bestand darin zu verstehen, wie ein und dasselbe Modul unterschiedliche Kronleuchter-Archetypen neu interpretieren kann. Wir stellten fest, dass Scheiben mit unterschiedlichen Durchmessern, je nach Anordnung, eine Silhouette formen können. Daher trägt die Leuchte auch den Namen Profilo. Die zweite Säule betraf den technischen Prozess. Wir erkannten, dass sich diese Scheiben am besten mithilfe einer technisch anspruchsvolleren, auf Murano eingesetzten Glastechnik herstellen ließen: dem Schleuderglasverfahren. Obwohl dieses Verfahren stärker industriell geprägt ist, wollten wir die handwerkliche Dimension bewahren. Besonders deutlich wird sie in der Spirale aus Opalglas, die entsteht, indem weißes Glas auf transparentes Glas gegossen wird. Je nach verwendeter Glasmenge und Geste des Handwerkers fällt jede Spirale leicht unterschiedlich aus. Diese Einzigartigkeit erinnert daran, dass jede Unvollkommenheit die Spur einer menschlichen Hand trägt. Für mich ist dies eine der wichtigsten Eigenschaften des Murano-Glases. Die Verbindung von opalinem und transparentem Glas erzeugt in der Komposition der verschiedenen Scheiben einen markanten Kontrast. Die dritte Säule ist die Funktionalität: Wir wollten einen zentralen Leuchtenstab verwenden, an dem die Scheiben befestigt werden, um unterschiedliche Profile und Formen zu bilden. Die Reflexionen zwischen der opalinen Spirale und dem transparenten Glas erzeugen ein flüchtiges Lichtspiel, das beinahe an eine im Raum schwebende Qualle erinnert.

Etime scheint einen abstrakten Begriff wie Zeit durch das Zusammenspiel von Quadrat und Kreis in eine reine geometrische Form zu übersetzen. Woher stammt diese Überlegung, und wie wichtig ist es in Ihrer Arbeit, dass Objekte Ideen vermitteln, die über ihre funktionale Bestimmung hinausgehen?

Etime entstand aus dem Wunsch heraus, Barovier&Toso für die Entwicklung von Einrichtungsobjekten zu öffnen: Glasobjekte, deren Funktionen über die einer Leuchte oder Vase hinausgehen. Die Idee geht auf alte Glasbausteine zurück, die aus einem Quadrat mit einem Kreis in der Mitte bestehen und dadurch eine besondere optische Illusion und Reflexion erzeugen. Wir wollten ein Objekt entwickeln, das auf dem Archetyp des Würfels basiert, wobei der Kreis bereits während des Glasblasens in jede Seite eingeprägt wird. Dadurch lassen sich die Objekte auch stapeln und zu Installationen zusammenfügen, anstatt lediglich als Einzelstücke zu bestehen. In der Komposition erzeugen sie Reflexionen, die stark an Glasbausteine erinnern: Module, die durch Wiederholung eine Funktion entstehen lassen. Die Geschichte hinter Etime ist, wie bei meiner Arbeit im Allgemeinen, sehr wichtig – allerdings nur dann, wenn sie unmittelbar mit dem Entwurfsprozess verbunden ist und ihm treu bleibt. Erzwungene oder künstliche Narrative interessieren mich nicht. Vielmehr suche ich nach einer Möglichkeit, den Prozess und die Logik hinter der Existenz eines Objekts besser zu erklären. In diesem Fall handelt es sich buchstäblich um einen Glasbaustein, der seinen Maßstab verändert, leicht vergrößert wird und die Merkmale verschiedener Glasbausteine in sich vereint, um ein Objekt mit einer vollkommen neuen Funktion zu schaffen.

Aurora interpretiert die Tradition der Öllampe durch unsichtbare Technologie und eine entschieden zeitgenössische Designsprache neu. Wie lässt sich ein historischer Archetyp erneuern, ohne seine emotionale und rituelle Dimension zu verlieren?

Aurora entstand aus einer klaren Absicht: Wir wollten eine tragbare Leuchte schaffen, eine Typologie, die im Angebot von Barovier in einem bestimmten Preissegment fehlte. Damit meine ich keinen Preis für ein breites Publikum, sondern eine Positionierung, die dem Wert des Unternehmens und seiner Herstellungsprozesse entspricht.
Wie immer haben wir uns mit der Vergangenheit des Hauses beschäftigt und im Archiv eine weitere Typologie entdeckt: die erste nomadische Leuchte, eine kleine Öllampe. In gewisser Weise übernahm das Öl damals dieselbe Funktion wie heute der Akku einer LED-Leuchte, während das Nutzungsprinzip dasselbe geblieben ist. Wir wollten diese neue Technologie integrieren und zugleich die archetypische Silhouette der Öllampe bewahren, die das Projekt inspiriert hatte. So entsteht eine Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die es ermöglicht, bestimmte Eigenschaften der Öllampe an heutige Technologien anzupassen. Gleichzeitig haben wir Elemente wie den oberen Diffusor aus transparentem Rigadin-Glas und das farbige Glas des Sockels beibehalten.

„2026 Chapter 1″ markiert einen bedeutenden Moment des Wandels für Barovier&Toso, der eine neue visuelle Identität, eine erneuerte Designforschung und eine erweiterte internationale Perspektive umfasst. Welche Eigenschaften machen Barovier&Toso heute Ihrer Ansicht nach nicht nur zu einer traditionsreichen Marke, sondern auch zu einem Unternehmen, das für die Zukunft gerüstet ist?

Ich glaube, eine meiner wichtigsten Aufgaben als Creative Director besteht darin, eine Vision davon zu entwickeln, welchen Platz Barovier verdient. Als traditionsreiches Unternehmen mit einem so umfangreichen Archiv bin ich überzeugt, dass es bereits damals, als jene Entwürfe entstanden, die wir heute als venezianische Kronleuchter bezeichnen, Menschen gab, die sie für zu zeitgenössisch hielten. Dennoch sind diese Kreationen später Teil der Unternehmensgeschichte geworden. Heute geht es darum, eine neue gestalterische Ausrichtung für das Unternehmen zu entwickeln und dabei unterschiedliche Kulturen, Perspektiven und internationale Sichtweisen einzubeziehen. All diese kreativen Impulse werden anschließend auf die Insel Murano zurückgebracht und mit der DNA von Barovier&Toso verbunden, um eine zeitgenössische Designvision für die Zukunft zu entwerfen. Wir hoffen, dass das, was wir heute schaffen, eines Tages zu einem neuen Klassiker wird. Es geht nicht darum, ein so reiches Erbe aufzugeben, sondern darum, Alt und Neu, zeitgenössische Gestaltung und überliefertes Wissen miteinander zu verbinden und daraus eine fruchtbare Synthese von Tradition und Innovation entstehen zu lassen.

Luca Nichetto Barovier&Toso Set Up

Photo credit: Piergiorgio Sorgetti